Habt ihr auch manchmal so einen Ohrwurm?
Bei mir ist es Herrmanns Song aus Linie 1.
Aus dem Nichts höre ich die Melodie, die Worte hüpfen durchs Herz und ich lächle.
Wenn ich Linden blühen sehe, summe ich vor mich hin.
Genau diese Zeilen. Und dann bin ich:
Glücklich. Froh. Einfach so.

Weil…

„…Es ist herrlich zu leben, mein Kind.
Es ist herrlich zu leben, wenn ein Tag neu beginnt.
Das Herz will zerspringen, die Seele verglühen,
wenn am Görlitzer Bahnhof die Linden blühen.
Und über die Mauer die Möwen ziehen.
Es ist herrlich zu leben in Berlin.

Solange der Grips noch ’n Witz registriert,
die Nese noch schnuppert und den Ohren noch friert
Solang ich noch japsen kann, rauchen und stehen,
Sag ich jedem, der’s nicht hören will
Mensch, dit Leben ist schön.

Jeder Duft macht mir Laune, jedet kleenste Geräusch,
dit Rattern der U-Bahn, jedet Kindergekreisch,
Jeder Schritt auf die Straße, jeder freundliche Blick
und ein Lächeln, das mir gewiss

Weeßte, dit ist das Glück!

Es ist herrlich zu leben, mein Kind.
Es ist herrlich zu leben, wenn ein Tag neu beginnt…“

Es war Mai 1989. In einer Kleinstadt mitten in der DDR.
Da war ich – unverstanden rebellisch und auf der Suche. Nach *Was auch immer*
Ich wollte endlich raus und war doch gefangen.
In mir selbst. Ich wusste nicht, was ich wollte.
Deshalb verpisste ich mich oft in eine Traumwelt – in Büchern oder ins Kino.
So landete ich in der Musicalverfilmung

Linie 1

Voller Erwartungen
– schließlich kam der Film aus dem Westen und der Bahnhof Zoo war lange Zeit
mein Synonym für Freiheit –
saß ich im halbleeren Kino.
Der Film begann.
Laut. Schrill.
Ungewohnte Bilder trafen blitzend und in Zeitlupe
direkt in mein naives Ostherzchen.
Was war denn das?!
Keine teuren Hochglanzbildchen und aufwändige Technik?
Nur eine etwas stümperhaft zusammengebaute Theaterkulisse?
Boah – echt jetzt?!
Mein erster Eindruck?
Desillusionierend! Enttäuschend!


Die ersten Mitschauer*Innen verließen vor sich hin schimpfend den Saal.
Zu gehen ist wahrscheinlich eine gute Idee.
Trotzdem blieb ich wie angeleimt auf meinem roten KlappKinoStuhl sitzen.
Zum Glück!
Schon nach der zweiten Szene war ich verliebt.

In Sunny

In Bambi

In Berlin

Berlin – Silhouette
Bildquelle: Berlin Skyline Silhouette | fhmedien.de

Ich litt mit. Summte mit. Wippte. Brachte den Stuhl zum Knarzen.
Ich war glücklich. Traurig. Wieder glücklich.
Und…
…die gesamte Laufzeitwoche im Kino. Jeden Tag!
Oft ganz allein. Mittig in der letzten Reihe.
Nach dem Ende der vorletzten Vorstellung bin ich einfach sitzen geblieben.
Habe den Film noch einmal angeschaut. Das werde ich nie…niemals vergessen!

Tatsächlich war ich auch ein Jahr später noch so erfüllt von den Bildern und Emotionen,
dass ich, (als die Mauer gefallen war und ich endlich durfte!) zum Bahnhof Zoo fuhr
und dort eine Nacht verbrachte.
Mit der Linie 1 Berlin durchquerte.
Am liebsten wäre ich einfach dort geblieben.
Auch ohne Johnny und Bambi.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte!

Ich fühlte mich weit und frei. Und trotzdem ganz klein. Wie ein Staubkörnchen.
Das war so beängstigend schön!
Ich glaube, das war tatsächlich der Beginn meiner heutigen Seelenwellness- Reisen.

Jedenfalls liebe ich diese Musicalverfilmung immer noch.
Habe den Film auf Pladde. Kenne jeden Song auswendig.
Aber der Song, aus dem das Songzitat zum Sonntag stammt, ist mein Glücksohrwurm.
Egal, wie scheiße es gerade läuft, die Zeile:
„…und dem Klassenfeind noch einmal in die Fresse gerotzt…“
bringt mich zum Lachen.
Immer!