Läuft bei mir – oder der Tag an dem ich den EmoErschöpfling aus meinem Leben warf

Läuft bei mir – oder der Tag an dem ich den EmoErschöpfling aus meinem Leben warf

5. November 2020 2 Von Winnie

Gestern war mir ein bisschen heulerisch zumute
– wie mein kleiner Freund Jannis-Hannes-Hans sagen würde.
Nur ein kleines bisschen – Kennt ja jeder, oder?

Das ging morgens schon los.
Ich blieb mit dem Ärmel in der Türklinke hängen.
Nicht so schlimm, werdet ihr sagen…
Doch schlimm, antworte ich euch.
Es war der Ärmel an dem Arm in dessen Hand die Kaffeetasse…
muss ich noch weiter ausholen?
Jedenfalls – die kürzlich in muschelgrau angemalerte Flurwand
ziert jetzt ein kleinkindgroßes Rorschachtestbild in kackkaffeebraun.
Das Knäckebrot mit Brotausfstrich landete im hochflorigen Teppich.
Beim Wischdingens holen trat ich drauf
und meine zarten Kilogramm drückten die klebrige Masse
so richtig tief in den Teppich.

Gefühlt alles, was ich anfasste, ging schief.
In den Bus gestiegen war meine Monatskarte unauffindbar.
Bargeld hatte ich nur in Form eines 20ers.
Den fand der Busfahrer zu groß.
Verstand ich. Konnte ich aber nicht ändern.
Ohne Fahrschein fahren kam nicht in Frage. Sagte ich ihm. In Nett.
Unwirsch maulte er irgendetwas in meine Richtung.
Er hatte wohl auch keinen besonders guten Start in den Tag.
Nach heftiger Diskussion a’la
…schwarzfahren…mach ich nicht…wieder aussteigen…warum denn, ich will ja bezahlen…
hatte ich meine Fahrkarte , den Beinamen *ZimtZicke*
und der Bus Verspätung
Ich zog mir den Zorn meiner Mitpendler*Innen in Form böser Blicke zu
und stand kurz vor der Metarmorphose zur Heulboje.
Wäre ich doch im Bett geblieben!

Um mich abzulenken und diesen fiesen
(aber wahrscheinlich nur in meiner Fantasie existierenden)
Blicken zu entkommen,
fiel ich in alte Gewohnheiten zurück und surfte außerhalb meiner festgelegten Zeiten auf Instagram herum.
Fast sofort schliddere ich ins nächste Tief –
ich sehe die eine Story nicht mehr.
Die war doch vorhin noch da. Hab ich sie versehentlich eingeschränkt?
Ist mir neulich mal bei einem Profil passiert, aber geht das auch bei Stories?
Oder war es die Storyposterin? Etwa mit Absicht???!!! Aber warum?
Mag sie mich nicht mehr??? Habe ich etwas falsch gemacht????
Wie finde ich heraus, was da los ist????
Ahhhhh! Totale Panik!

STOP! STOP! STOP! STOP!

Am besten finde ich gar nichts raus!
Ich dachte wirklich, das mit der Social Media Panik hätte ich hinter mir.
Ich atme tief durch und schmeiße das Handy in den Rucksack.

Warum ist mir das immer noch so verdammt wichtig?
Und warum macht dieses Corona solch einen EmoErschöpfling aus mir?
Wie komme ich da wieder raus?

Der Tag wird nicht besser.
Diverse Nachrichten erschüttern meinen doch mittlerweile sehr in
Mitleidenschaft gezogenen Glauben an die Menschheit:

Die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnt vielleicht
ein Kleinkind im Rentenalter* (*kopiert by Ulrike Gastmann)
und wenn nicht, dann wirft es sich auf den Boden und plärrt.
Ist fast schon komisch, wenn es nicht zum Heulen wäre!
480 ertrunkene Flüchtlinge auf der Atklantikroute.
Terroranschlag in Österreich.
Erdbeben in der Türkei.
Abgebranntes Flüchtlingslager in Griechenland.
Coronazahlen.
Lockdown Light bleibt.
Hört das eigentlich nie wieder auf?

Winnieschmerz und Weltschmerz prallen aufeinander – einfach ein Shitday.

Ich versuche alles auszublenden und mich wenigstens ein bisschen normal zu verhalten.
Ist mit Zahlen jonglieren ja relativ einfach.
Dazu ein Hörbuch von Kerstin Gier.

Endlich Feierabend!
Mittlerweile tänzle ich zwischen Scheißegal und Hölle.
Der LieblingsIngo holt mich vom Bus ab.
Und meckert mich sofort an wegen dem Rorschachtestbild im Flur.
Das hatte ich schon wieder völlig vergessen!
Ich versuche zu erklären, er würgt mich ab.
So von wegen Vorwarnung und so…
Als kippe ich jeden Morgen absichtlich meinen Kaffee an die Wand!
Ich reagiere auf alles zickig, was er sagt.
Will ich gar nicht. Mach ich aber trotzdem.
Wie du mir – so ich dir. So bin ich eben. Manchmal.
Nichts mit Empathie oder gewaltfreier Kommunikation.
Er regiert genervt, ich gar nicht mehr.
Für den Rest des Abends gehen wir uns aus dem Weg.
Boah – echt nicht zum Aushalten. Ich geh mit Buch und Handy ins Bett!

Noch ein kurzer Blick auf Facebook – Facebook weiß , wie mies mein Tag war und tröstet mich. (ich bin manchmal so unglaublich naiv!)
Zum richtigen Zeitpunkt der richtige Post in der Timeline.

Ziemlich gedankenlos habe ich den dann geteilt.
Ihr seid echt süß! Dankeschön an alle!
Fürs Nachfragen…fürs Verständnis haben…fürs Sorgen machen…
fürs aus der Ferne Seele streicheln.
Ich hab euch lieb!

Natürlich weiß ich, alles still mit sich auszumachen,
ist NICHT unbedingt förderlich für die Gesundheit.
Deshalb braucht ihr euch auch wirklich keine Gedanken um mich zu machen.
Ich bin ein Stehauf – Weibchen und nie wirklich lange traurig.

Mein Motto lautet:
Neuer Tag – neues Glück

Deshalb schaue ich heute auch nur kurz in die Nachrichten.
Bei der Wahl ist immer noch nichts herausgekommen.
Also ehrlich – hinhalten können sie, die Amis.
Corona gibt es auch noch. Ich schalte das Fenster zur Welt wieder aus.
Aktiviere das Internet und frage mal an wegen der verborgenen Stories.
So IstAllesOkayMitUns – mäßig.
Dann schnell das Internet wieder aus, Handy weg und Buch in die Hand.
Für die nächste Stunde bin ich abgelenkt.
Mit zwei tollen Bücher – also für mich tolle, hilfreiche Bücher:

Die Heldinnenreise von Sabine Groth und
Es ist okay: Weil man sich erst verlieren muss, um sich selbst zu finden von Angela Doe
Das sind so Bücher, bei denen man das Gefühl hat,
die Autorinnen kennen mich. Als würden sie mich an die Hand nehmen und sagen: „Da geht es lang“

Dann wandere ich los – Morgenspaziergang im Wald.
Mittlerweile auch so ein lieb gewonnenes Ritual.
Ich denke an nichts, höre Musik oder höre die Stille und denke an alles.
Runterkommen. Ruhiger werden. Klare Sicht auf den Tag bekommen.
Und auf sich selbst.
In unserem Günthersdorfer Zauberwald treffe ich Rehe, Katzen und Spinnen.
Dieses stille Gefühl der Einsamkeit ohne allein zu sein
– ich liebe es!
Das habe ich vor Jahren schon mal in einem Gedicht beschrieben:

…Sehe nur dass hier und heute,
bin nicht einsam, nur allein

– ohne andere Leute.

Als ich heute also so durch den Wald stapfe und
Durch die schweren Zeiten… von Udo Lindenberg höre,
schaue ich auf und in diesen, wundervollen Sonnenaufgang.
Genau zu den Liedzeilen:
…weil hinter dunklen Wolken wieder gute Zeiten warten…“

Das ist doch ein Zeichen, oder?

Zurück in der Zivilisation auf dem Weg zur Haltestelle treffe ich Peter.
Peter kommt jeden Morgen aus dem Nachbarort,
um Brötchen für seine Wohngruppe zu kaufen.
Er mag meine Haare und mein Lächeln.
Bei jedem anderen wäre das wohl eine Anmache.
Aber Peter ist etwas ganz Besonderes.
Und er meint das wirklich so, wie er das sagt. Ohne Hintergedanken.
Wir winken uns jeden Morgen zu oder schwatzen kurz.
Nur die letzten Tage nicht, weil ich einen anderen Weg genommen habe.
Peter freut sich riesig, mich zu sehen und ruft mir zu,
er habe sich Sorgen gemacht!
Noch jemand, der sich Sorgen um mich macht. Läuft bei mir!
Ich streichle kurz über seinen Arm. Drücken darf ich ihn ja nicht.
Corona sucks!
Ich möchte mich wirklich gern um solch besondere Menschen
wie Peter kümmern.

Die Omi, die mir bis Mitte Oktober jeden Morgen
vom Fenster aus zuwinkte, war ganz plötzlich verschwunden.
Um die habe zur Abwechslung mal ICH mir Sorgen gemacht.
Jetzt lehnt sie wieder aus ihrem Küchenfenster. Göttin sei Dank!
Fast zwei Wochen waren ihre Fenster zu.
Sie war im Krankenhaus, aber jetzt ist wieder alles gut,
schwatzt sie gut gelaunt zum Fenster hinaus.
Ich freue mich mit ihr. Und finde es gerade fast ein bisschen schön,
in einem Dorf zu wohnen.

Im Bus lächelt mich der Fahrer von gestern an.
Ich gebe ihm grinsend mein abgezähltes Kleingeld
und verzeihe ihm großzügig den Anraunzer von gestern.
Mist, da fällt mir ein – ich habe gar nicht nach meiner Monatskarte gesucht. So what – dann eben heute.

Heute ist mein vorletzter Arbeitstag – ab Montag habe ich Urlaub.
Meine Laune steigt, obwohl ich die Vorfreude bewusst zügele.
Ich weiß ja nicht, ob wir unsere geplante Reise antreten können.
Vielleicht ist es unvernünftig, in solchen Zeiten irgendwo hin zu fliegen.
Aber ich habe mich wirklich brav an alle Regeln gehalten.
Nun bin ich aber ein EmoErschöpfling.
Nach 9 Monaten mit Homeoffice, FlurAbstandhaltung und nur Wochenendfrei bin ich am Boden.
Noch mehr als sonst im November!
Auf Fuerteventura fühle ich mich sicherer als hier.
Dort gibt es weniger Menschen. Dafür Sonnenschein.
Ich brauche meine Sun- and Beachtherapy jedes Jahr,
aber in diesem Jahr ganz besonders dringend!

Noch kurz das Handy gecheckt,
ehe es bis zur Mittagspause in der Schublade verschwindet.
Hui, eine Antwort auf meine morgendliche IstAllesOkayMitUns – Frage.
Ich lese und …
fast sofort schießen mir die Tränen in die Augen.
Menno.
Die Nachricht ist ziemlich kurz.
Das ist ungewohnt und ich fühle mich abgewiesen.
Und weil ich den Grund nicht weiß, kann ich schwer damit umgehen.
Soll ich noch einmal nachfragen?
Nee.
Da sitz‘ ich doch lieber heulend hier im Flur
(wegen Corona und Abstand und so)
und emotionalisiere ein bisschen vor mich hin.
Meine Güte, wie peinlich. Noch so ein CoronaEmotionsDingens ,
das ich nicht verstehe.
Dieses ständige Geheule und diese Angst,
für jemanden nicht mehr wichtig zu sein!
Es nervt echt!

Als mir das bewusst wird, muss ich wieder lächeln.
Aber nachfragen mag ich trotzdem nicht.
Weil es irgendwie doch ganz schön weh tut.
Vielleicht trau ich mich später.
Jetzt erst mal Nase hoch ziehen, Tränen abwischen und weiter machen.

Wenn ich mich ablenken will, höre ich mein Lieblingshörbuch:
„Ich habe auch gelebt!: Briefe einer Freundschaft“
Darin geht es um die Brieffreundschaft zwischen
Astrid Lindgren und Louise Hartung.
Zwei tolle Frauen. So verschieden und trotzdem Freundinnen.
Manchmalmal klappt das.
Ich liebe dieses Buch. Es ist emotional.
Noch nie habe ich zwei Frauen erlebt, die so oft an einander vorbei geredet und sich missverstanden haben.
Die Louise hätte ich gern kennen gelernt. Wir empfinden ziemlich ähnlich.

Aus diesem Buch stammt zum Beispiel mein Lieblingszitat
von Astrid Lindgren:

„…aber du darfst nicht vergessen, dass ich vierzig Jahre gelebt hab, bevor wir uns kennen lernten. Und während dieser Jahre habe ich eine unendliche Menge menschliche Verbindungen geknüpft…“

Das zu hören bringt mich wieder runter. Weil es so einfach und so wahr ist.
Ich nehme mich immer viel zu wichtig, denke ich.
Dabei berührt jeder Mensch, den wir treffen
ein kleines Stück unserer Lebenstimeline.
Zusammen mit ganz vielen anderen Menschen.
Niemals werden wir allen gerecht.
Deshalb ist es einfach menschlich, jemandem weh zu tun.
Zu enttäuschen. Zu verlieren. Das weiß ich auch alles.
Mein nettes lilabehaartes Köpfchen weiß das.
Mein übervolles Herz allerdings will das nicht einsehen.
Immer mehr Menschen zerrt es an sich.
Bis ich ein EmoErschöpfling bin.
Dann höre ich die Worte von Louise Hartung.
Obwohl sie schon lange tot ist, scheint auch sie mich gekannt zu haben:

„Selbst diese ewige Zwietracht zwischen Verstand und Herzen,
diese unaufhörlichen Diskussionen der beiden…
Die Vernunft sagt immer dasselbe:
‚Du törichtes Herz, was denkst du dir eigentlich?
Wer hängt sich schon an einen Menschen in Stockholm?
Was ist das für ein Unfug?!
Das törichte Herz kichert nur leise.“

„Menschen sind merkwürdige Wesen,
sie bestehen aus vielen, verschiedenen Ichs.
Ein Ich, das träumt – eines, das denkt –
eines, das fühlt und dann noch ein Ich, das handelt.
Alle stimmen nicht miteinander überein.
Manchmal handelt das Ich ohne das denkende Ich zu fragen,
nach dem fühlenden Ich. Manchmal genau entgegen gesetzt,

fragt weder nach Denken, noch nach Fühlen, es handelt spontan.
Handelt es wie das träumende Ich?

Wer will das wissen und wie kann man von einem anderen Menschen etwas wissen, was stimmt oder auch nur teilweise…“

Ich habe wieder gute Laune.
Emotional angeknackst sind wir wohl alle ein bisschen.
Da werden wir noch ein Weilchen daran knabbern.

Übrigens:
Die Stories waren gar nicht verschwunden.
Ich hatte sie versehentlich ausgeschaltet. Und nun wieder angeschaltet. Zumindest technisch habe ich etwas dazu gelernt.

Mein Weg vom EmoErschöpfling zum LebensLüstling
dauert noch etwas länger, befürchte ich.
Aber auch das wird schon wieder.
Irgendwann schaue ich zurück
und denke mir:
Der 5. November 2020 war also der Tag,
an dem ich anfing, den EmoErschöpfling aus meinem Leben zu kicken!
Das wird dann ein Feiertag.
Bleibt gesund und munter, ihr Lieben.
Und passt auf euch und eure Herzen auf.