Spaziergänge oder I will survive – ein Stück in drei Akten – Dritter Akt: Dritter Teil – abendlicher Gewaltmarsch durch Lindenau

30. Dezember 2020 1 Von Winnie

Ich laufe  – seitdem die coole Schwessi mich musikalischwitzig
zum Vampire suchen aufgefordert hat – quer durch Leipzig.
Jeden Abend. Das ist eigentlich ganz einfach. Und sicher.
Wegen Straßenbeleuchtung und so.
Trotz meines fehlenden Orientierungssinns.
Dachte ich.

Aber in Leipzig ist nichts einfach.
Das hat selbst Udo Lindenberg bemerkt und in einer Songzeile verankert:
„Es geht nicht immer geradeaus..!“
Ich bin mir sicher, dass ist ihm in Leipzig eingefallen.
In der Dämmerung. Wenn alle Straßen gleich aussehen.
Nie dorthin führen, wo man hin möchte.
Ich laufe jetzt schon seit drei Tagen 
– jeden Abend mit dem gleichen Ziel, dem Lindenauer Friedhof  – unterschiedliche Wege.
Immer parallel zur Hauptsraße mit den Bushaltestellen.
Damit ich jederzeit links abbiegen kann
und geradewegs an der Bushaltestelle am Lindenauer Friedhof lande.
Oder an irgendeiner Bushaltestelle. Tue ich aber nicht! Nie!
Mal springt mir eine Baustelle in den Weg
(keinesfalls an der gleichen Stelle wie am Vortag),
die sind aber nicht schlimm.
Genervte Mitläufer haben an manchen Stellen die Bauzäune durchbrochen. Da husche ich einfach schnell durch.
Wenn dir ein ganzes Krankenhaus in die Quere kommt,
sieht die Sache nicht so toll aus.
Auf einmal steht es da und nimmt einen ganzen Straßenzug ein.
Ich bin mir ganz sicher, in dieser Straße war gestern noch keins!

Versuch eins – ich umrunde das Krankenhaus rechts.
Der Weg endet in einem Nobelviertel. Mit Riesenvillen.
Die sind so reich, die haben nicht mal einen Fußweg.
Also latsche ich den ganzen Weg zurück.
Auf der Straße.

Nächster Versuch: Umrundung des Krankenhauses auf der linken Seite.
Das ist wirklich ein sehr großes Krankenhaus!
Ich schlappe genervt vor mich hin und
…lande am Wirtschaftseingang. Sackgasse!
Verdammt!
Nun muss ich auch noch den LieblingsIngo informieren.
Wegen verspäteter Ankunft.
Nicht, dass der doch noch eine Ortungs- App kauft!
Seinen Spott habe ich aber auf jeden Fall sicher in der Tasche.
Wegen Orientierungslosigkeit und so. Dabei kann ich gar nichts dafür, wenn über Nacht ein Krankenhaus mitten in den Weg gestellt wurde!
Ich befrage Google und komme mit einstündiger Verspätung
und 21312 gelaufenen Schritten am Friedhof an.
Menno!

Nächster Abend, gleiche Zeit – diesmal eine andere Richtung.
Ihr wisst ja, alle Wege führen nach Rom. Oder zum Friedhof.
Upps, das klingt aber jetzt doch ein bisschen makaber!
Ich spaziere gemächlich durch die menschenleeren Straßen.
An Mauern und Gitterzäunen entlang.
Plötzlich… RUMMS!
Direkt neben mir. Ich schreie erschreckt auf!
Getuschel hinter der Mauer. Dann leises Heulen:
„Papa hat gesagt, wir sollen aufpassen…Heute klingelst du aber…
Ich trau mich nicht…der schreit immer so…“
Ich war schon fast vorbei, aber nun checke ich doch mal die Lage.
Der Rummsball liegt auf einer Mülltonne. Hinter einem Gitterzaun.
Wenn ich die Hand hier…und die andere da… Geschafft.
Der Ball fliegt über die Mauer.
Ich höre rieisge Steine purzeln. Von den kleinen Fussballerherzchen.
Ich sag euch, das konnte man richtig laut hören. So geknallt hat das.
Ich bekomme ein zahnlückiges Grinsedankeschön und ein Winken,
dann rummst der Ball wieder gegen die Mauer.
Genau neben mir.
Ich irre weiter. Durch Leipzig. Ohne Orientierungssinn. Zum Friedhof.

Plötzlich ertönt vor mir die Ansage: „Du musst hüpfen!“
Wieder so ein Zwerg.
Er behauptet, an dieser einen, bestimmten Stelle muss man hüpfen.
Und zwar jeder!
Die Mama. Der Jogger. Und ich.
Wenn ich das Wort *muss* höre, schalte ich ab.
Doch der Bengel ist höchstens zwei Jahre alt.
und so putzig, wie er da steht. Arme in die Hüften gestemmt.
Also hüpfe ich.
Wir lachen uns unter den Masken zu,
seine Mama, der Jogger und ich. So mit den Augen.
Und dann hüpfe ich weiter.

Ich laufe durch mir unbekannte Straßen
Bis ich freudig die Friedhofsmauer erkenne. Ich laufe langsam.

I will survive!