Über Angst, Mut, Chaos und warum ich auch ohne Urkunde einfach so durchs Leben schreite

Über Angst, Mut, Chaos und warum ich auch ohne Urkunde einfach so durchs Leben schreite

24. September 2020 2 Von Winnie

*Die meisten Menschen leben ein Leben in stummer Verzweiflung* Henry D. Thoreau

Mein Personalausweis ist abgelaufen. PANIK – Was mache ich denn jetzt?!
Vor ein paar Wochen habe ich noch daran gedacht.
Dann habe ich es im GedankenWirrwarrLabyrinth wieder aus den Augen verloren.

Als ich am Montag mal wieder an
meinen LieblingsFahrkartenanschauer geriet,
musste ich das wichtige Dokument herauskramen.
Damit er sich versichern kann, das Winnie ein Mädchenname ist.
Wie jedes Mal. Dieses Schauspiel führen wir einmal im Monat auf!
Und am Montag zieht ein breites Lächeln über sein Gesicht und er trompetet triumphierend durch den Bus:
„Tscha, der is ja abjeloofn!“
Ich hab mit den Achseln gezuckt. Ist doch nicht sein Problem.
Er soll nur schauen, ob ich wirklich Winnie heiße!
Aber innerlich wirbelt die Panik.
Bin ich jetzt kriminell? Muss ich Strafe zahlen?
Ins Gefängnis? AAAAAHHHHHH!

Ich google, werde aber nicht schlauer. Und auch nicht ruhiger.
Also rufe ich die Behörde an.
Ich hasse telefonieren. Aber was muss, das muss!
Es gibt so etwas wie eine Coronakarenzzeit.
Keine Strafe. Und nur die ganz normalen Gebühren.
Mit Geburtsurkunde und biometrischen Verbrecherfoto
soll ich auf dem Amt erscheinen.
Ich atme auf.

Warte, was soll ich mitbringen?!

MEINE GEBURTSURKUNDE?!

In meinem Kopf rattert es. Wo ist die?
Im Buch der Familie – das ist grün und steht irgendwo im Regal.
Finde ich auch – nach 2 Stunden.
Ich habe nämlich sechs vollgeknallte Bücherregale.


Aber das ist nicht das richtige Buch der Familie.
In diesem wird zwar amtlich beglaubigt,
dass es mich gibt, aber nur unter falschem Namen.
Ich bin nämlich 3 Mal auf der Welt.
Bescheinigen mir drei Geburtsurkunden. Es muss also noch zwei geben. Aber wo?
Sämtliche Schränke, Regale und Kisten werden durchwühlt.
Ich liebe mein Chaos! Verdammt!

Ich suche weiter und finde…

Meine *Oh das mache ich noch irgendwann mal* – Kiste.


Habt ihr so etwas auch?
Einen Ort für all die unerfüllten, unvollendeten Träume, Pläne.
Einen Platz für Geheimnisse?
Ich sammle darin alles, was so an Ideen bei mir einfliegt.
Angefangene Manuskripte. Gedichte. Briefe. Textilmalereien. Bleistiftskizzen (ein wundervolles Wort für meine Krakeleien). Bilder. Fotos. Ideen. Briefe. Von mir. An mich.
Und… Notizen.
Gaaaanz viele Notizen – auf Zetteln, in Notizbüchern. Auf Servietten. Fahrkarten.

Das sieht nicht gut aus für die Geburtsurkunde.
Ich bin erst mal in meine Träume abgetaucht:

Seit ich die Social Media Kanäle fast ganz aus meinem Leben gekickt habe, läuft alles irgendwie ruhiger. Empfinde ich jedenfalls so.
Obwohl das vermutlich gar nicht stimmt.
Nach anfänglicher Trauer, Wut und Angst
(kenne ich noch von der Glimmstengelentwöhnung),
habe ich nun den Kopf wieder freier, die Augen auf den Weg vor mir gerichtet und das Herz weit offen.
Mir ist auch einiges klar geworden.
So zwischenmenschlich. Da hab ich so ein paar Baustellen.
Autsch. Da sollte ich mich auch mal kümmern.
Später, jetzt erst mal die Kiste.

Ich finde ein Mikrofon. Häh? Ein Mikro? So in richtig professionelles.
Ah, stimmt. Die Vorlesepodcast- Idee. Die ich wieder verworfen habe.
Weil in Deutschland nicht einfach so vorgelesen werden darf.
Nur mit Genehmigung der Verlage und der Autoren?
Um die zu bekommen, brauche ich bestimmt meine Geburtsurkunde.
Und die finde ich ja nicht!

Da, ein Zettel! Steht nur einem Wort drauf:
*Poetryslam*

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was das eigentlich ist.
Auch nach einer Google -Befragung nicht.
Irgendetwas mit Studenten, Rededuellen und Gewinnern.

Und dann vielleicht irgendwann mal ein OPEN MIC für Lyriker.
Gibt es so etwas eigentlich?
Veranstaltungen, für Songschreiber*Innen, die nicht singen können?
Oder nicht wollen. Sich nicht trauen?!
Mein kleiner Freund Jannis-Hannes-Hans hat da ja so eine eigene Theorie
und ich bin fast gewillt, daran zu glauben:

„Singen kann jeder. Viele trauen sich bloß nicht
und sagen dann: Ich kann das nicht!“


Wow. Kinderphilosophie.
Der Bengel ist fünf und weiß schon besser Bescheid als ich!

Oder eine Lyrik Bühne im Park?
Das wollte ich mich trauen. Steht sogar auf meiner Bucketlist.
Da sitze ich nun. In meinem Träumerinnenchaos.
Ziemlich traurig. Weil ich mich eben nicht traue!

Scheiß Selbstzweifel.
Die wie kleine Teufelchen durch meine Gedanken wirbeln:
Das kannst du nicht. Das schaffst du nicht. Das interessiert niemanden.
Getriggert werden sie von den Erwachsenstimmen aus meiner Kindheit.
Mein inneres Kind heult. Toll. Ich setze Kopfhörer auf.
Und höre Udo. Schwessi. Alexa Feser
Die Teufelchen erstarren und hauen ab.
Für den Moment.

Vor kurzem hat mir Frau Pauli
(eine Singersongwriterin/ Malerin/ coole Socke, die ich sehr bewundere)
auf meine lapidar hingeworfene ironische Frage
von wegen Bühne und so:
‚Was hab ich schon zu verlieren?‘ geantwortet:
DEINE ANGST.
Das war ein beeindruckende Antwort. So einfach. So kompliziert.
Ich habe lange darüber nachgedacht.
Über Mut, Angst und Selbstzweifel.
Auch Bea Reszat hat mir mal so einen Satz geschrieben:
‚Dein Talent ist nun mal da. Ob du willst oder nicht!
Ich bin bemerkenswert beratungsresistent.

Aber vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit,
aus der stummen Verzweiflung, die der oben zitierte Henry meint, abzuhauen. Ich werde mal das Mikrofon ausprobieren 😉
Nur so zum Spaß.

Übrigens:
Meine Geburtsurkunde habe ich nicht gefunden. Es ging auch ohne.
Und online habe ich mir gleich eine neue organisiert.
Damit ich bald wieder amtlich beglaubigt
und mit einem *nichabjeloofnen* Personalausweis
durchs Leben schreiten kann.

Bis die Tage, ihr Lieben. Genießt die Welt, das Leben.
Sortiert doch auch mal eure Träume. ❤️
Führt Selbstgespräche. Es kommen erstaunliche Dinge ans Licht!