Ein Coronatag in Dichtersprache

11. Mai 2020 0 Von Winnie

(nach einer Anregung von Susanne Fröhlich)

Da sitze ich nun alleine ganz alltagsblass im Homeofficekabuff.
Seit 5 Wochen!
Langsam fühle ich mich wie in einer schattenversunkenen Welt.
Ich muss hinaus.
Hinaus in die tagtraumverlorene Realität.

Hauchstill und morgenblass liegen die Straßen der Siedlung vor mir.
Der Wind spielt seine reine Melodie
in der morgengoldenen Luft.
Jeden Morgen, wenn der weißkäsebleiche Mond am Himmel verblasst,
ziehe ich nun meine Runden über die nassglatten Straßen.
Frische Luft tanken und den Kopf frei bekommen,
für ein backrotes Gesicht und sonnenverträumte Gedanken.

Die wenigen Leute, die schon unterwegs sind,
glotzen mich morgenblöd aus den vom Wind rotgeschluchzten Augen an.
Augenblickskurz überlege ich, warum das so ist.
Dann fallen mir meine apokalypsenblau* gefärbten Haare ein.
Ein kleiner Coronakolleranfall, der mich kurz kleinkinderglücklich machte.

Ich verlasse die lebendig angehauchte Gegend und spaziere in den Wald.
Rätselraunend plätschert das stillschimmernde Bächlein an meiner Seite und ich halte inne –
sehnsuchtsblass nach Normalität lechzend.
Ich träume mich hinweg, nach Hamburg,
in diese dampfdunstige, traumverrückte Hafenstadt.
Ich schaue dem Wasser zu, wie es mit augenruhiger Überlegenheit
an die Kaimauer knallt.
Ich lausche der fabelschönen Musik, die aus den Hafenbars schallt.
Ich tauche ein in die buntwimmelnde Menge
auf der flitterschimmernden Reeperbahn.
Glücksfröhlich und lustbeglückt sitze ich
auf einer der schiffsbalkengemütlichen Bänke
rund um die Alster.
Ich schrecke aus meinen traumverzauberten Gedanken
und hoppse übermuttrunken in Richtung Sonnenweg.
Jetzt bin ich bereit, meinen glanzverlorenen
Homeoffice Tag zu starten.

(*Das Adjektiv hat der LieblingsIngo kreirt.)