Warum ich Vorsätze über Bord schmeiße und lieber im Chaos versinke

Warum ich Vorsätze über Bord schmeiße und lieber im Chaos versinke

10. Januar 2020 1 Von Winnie

Nun ist das Jahr schon ein paar Tage alt.
Vorbei die Feiertags- und Neujahranfangstimmung.
Der Alltag steht auf der Matte. Hattet ihr Vorsätze für 2020?
Denkt ihr noch daran? Vergesst sie!
Vorsätze zum Jahresanfang sind genau wie Seifenblasen – dünn und schnell zerplatzt!

Ich weiß genau, wovon ich rede.
Bin ich doch seit meiner Kindheit Vorsatzerfindungsmeister.
Jedes Jahr aufs Neue – zu Silvester, für meinem Geburtstag, für die Geburtstage meiner Family – schrieb ich Vorsatzlisten:
brav sein
– mich nicht immer so schmutzig machen
– nicht mehr frech werden
– in der Schule aufpassen
– nicht mehr soviel lesen
– raus gehen
– keine Geschichten mehr erfinden
– einfach nichts mehr falsch machen

Das ganze Glück der Welt hing von mir und meinen Vorsätzen ab,
daran habe ich wirklich fest geglaubt!
Wenn ich endlich alles richtig mache, dann wird die Welt besser
und meine Mitmenschen glücklicher.
Ich habe mich abgerackert, angestrengt und
… versagt!

Sommer 1978

Vielleicht hätte mir mal jemand stecken sollen,
dass die Reinheit meiner Strumpfhose nicht die Welt,
sondern nur die Blutdruckhöhe meiner Oma beeinflusst!
So aber habe ich nach spätestens einer Woche
meine Liste heulend in die Ecke geworfen.

*
Schon als Kind hat ich so’n Gefühl:
Ich darf nie so sein, wie ich will!
Immer nach DIN und Norm, wie im Zwang!
Und das ein ganzes Leben lang?!

Das Leben ist ein Film
und alle schauen zu,
sie wollen das ich mich ändere
und werd‘ wie DU und DU und DU!

Ich übte schon mal Rebellion,
das kann man auch als Lütte schon!
Sagte zu allem nein, nein, nein,
und konnt‘ schon damals ziemlich laut schreien!

Das Leben ist ein Film
und alle schauen zu,
sie wollen das ich mich ändere
und werd‘ wie DU und DU und DU!


Als Teenie flippte ich völlig aus:
färbte die Haare rot, kam zu spät nach Haus,
die Schule fand ich großen Mist,
weil man dort so eingesperrt und unfrei ist.
Widerspruch und Ignoranz
gaben mir einen eigenen,besonderen Glanz!

Das Leben ist ein Film
und alle schauen zu,
sie wollen das ich mich ändere
und werd‘ wie DU und DU und DU!


Habe ihn nie gefunden, diesen Sinn des Lebens…
Ist der überhaupt jemals irgendwo gewesen?
Für mich bedeutet Leben Glück,Freude und Spaß
…niemals aber Krieg, Hunger, Angst oder Hass!
Ich bin ich und werde, das wird wohl auch so bleiben,
als ewiges Kind durch das Lebensmeer treiben!

Das Leben ist ein Film
und alle schauen zu,
sie wollen das ich mich ändere
doch ich werd‘ NIEMALS so
wie DU und DU und DU und DU!

*

Wie ein roter Faden zog sich die VorsatzListenSchreiberei
durch mein Leben:
Ich versuchte es wirklich immer wieder – auch als großer Mensch:
Aufhören zu Rauchen
– mindestens 20 Kilo abnehmen
– mehr Sport machen
– mich öfter bei Menschen melden

– netter sein…
Blablabla

Ich scheiterte regelmäßig!
Ich rauchte mehr als zuvor, schaffte es gerade mal, nicht zu zunehmen,
lümmelte vermehrt mit einen Buch in der Hand auf der Couch,
wurde immer unruhiger und trauriger, verlor mein Lächeln
und meldete mich noch weniger bei den Menschen,
die es von mir verlangten.

Frust und Enttäuschung waren vorprogrammiert.
Dabei konnte ich gar nichts dafür.
MIR war das gar nicht wirklich wichtig.
Ich habe diese Vorsätze nur für die anderen gefasst.

Diese Erkenntnis erreichte mich Anfang 2018 und endlich segelte ich
auf dem richtigen Kurs auf meiner Selbstfindungsreise.
Das Ziel?
Mich wichtig nehmen und herausfinden,
warum ich mich ständig verbogen habe
und es allen immer recht machen wollte.
Ich bin immer noch auf dem Weg – es fühlt sich toll an!

Mittlerweile denke ich gar nicht mehr so oft über richtig und falsch nach!
Wenn ich etwas tue und im Nachhinein doch mal nach dem Warum frage – lauten meine Antworten:
Weil es für MICH das Richtige ist! Mein Bauchgefühl sagt es!
Es macht mich frei – froh – glücklich! Traum erfüllt, oder?
Auch wenn es vielleicht nicht der Ursprungstraumvorsatz war!

Mal ein kleines Beispiel:
Als ich 6 Jahre alt war, beschloss ich, später Bücher zu schreiben.
Das wurde mein größter Traum.
Ich hatte meinen Masterplan zur Traumerfüllung genau im Kopf:
Ich schreibe das Buch, wenn ich alt bin – vierzig oder so!
100 Leute sollten dieses Buch lesen  – das erschien mir genug.
Mehr wohnten gar nicht in Merseburg, dachte ich.
Denn wenn mich alle in Merseburg kennen,
bin ich berühmt und werde reich
(das war mir sehr wichtig!)
Die Widmung hatte ich auch schon vor Augen: Für meinen Opi!

*
Kindertraum

Abgekaute Fingernägel,
Ponyfransen hängen verwegen
ins schmutzige Gesicht
’ne feine Dame wird sie wohl nicht.
Im Mundwinkel klebt Zahnpasta
auch das ist ihr offensichtlich egal.

Sie schreibt und schreibt und schreibt…
Das ist ihre Welt, dort kennt sie sich aus.
Sie träumt, dass es immer so bleibt
und sie irgendwann ’nen Bestseller schreibt.


T-Shirt mit Flecken und Lederhosen…
darin könnt man doch draußen toben!
Doch sitzt sie lieber ganz allein
in ihrem stillen Kämmerlein.

Sie schreibt und schreibt und schreibt…
Das ist ihre Welt, dort kennt sie sich aus.
Sie träumt, dass es immer so bleibt
und sie irgendwann ’nen Bestseller schreibt.


An den Fingern Tintenflecken
Papier liegt zerknüllt in allen Ecken,
den Abwasch zu machen hat sie vergessen,
sie dachte nicht einmal ans Essen.

Sie schreibt und schreibt und schreibt…
Das ist ihre Welt, dort kennt sie sich aus.
Sie träumt, dass es immer so bleibt

und sie irgendwann ’nen Bestseller schreibt.

Verständnis und Lob bekam sie nie,
nur Vorwürfe:
*Was soll aus dir bloß einmal werden?!
Du hast zuviel Fantasie!
Das mit dem Schreiben klappt doch nie!

Sie schreibt und schreibt und schreibt…
Das ist ihre Welt, dort kennt sie sich aus.
Sie träumt, dass es immer so bleibt
und sie irgendwann ’nen Bestseller schreibt.


Geh endlich mal zum Spielen raus!
Bist schon ganz blass, sitzt nur zu Haus!
Mit Reimen verdienst du doch kein Geld!
Wie hast du dir das bloß vorgestellt!

Sie schreibt und schreibt und schreibt…
Das ist ihre Welt, dort kennt sie sich aus.
Sie träumt, dass es immer so bleibt
und sie irgendwann ’nen Bestseller schreibt.

*

Dieser Büchertraum blinkte lange wie ein Leuchtturm durch mein totales KopfTraumIdeenWunschChaos.
Die meisten anderen Träume und Wünsche konnte ich nicht mal richtig visualisieren, geschweige denn darüber laut reden!
Deshalb sagte ich auch als ausgewachsene Menschin immer noch:
Ich möchte mal Bücher schreiben!
Dabei hatte ich es 2013 längst versucht
und bin (in meinen Augen) kläglich gescheitert.
Es war eben nicht so, wie ich mir das ausgemalt hatte.
Nicht ganz Merseburg, nicht mein Wohnviertel, nicht mal meine Freunde interessierten sich für MEIN BUCH.
13 Stück habe ich verkauft. Ich war so enttäuscht,
dass ich dieses Buch ganz selten erwähne.

Mein größter Traum ist also zerplatzt! Aber eigentlich auch wieder nicht!
Es ging doch ums Schreiben und 1978 erschien mir *ein Buch schreiben*
als der Triumphgipfel!

Nun haben wir 2020 und ich schreibe diesen Blog.
Es fühlt sich richtig an. Es tut mir gut. Es lesen viel mehr Leute,
als ich jemals in meinen kühnsten Schreiberlingträumen erwartet habe.
Traumerfüllung completed und damit ist klar:
Es gibt nie wieder ein in einem Verlag gedrucktes Buch von mir.
Aber wenn jemand möchte, schreibe ich eins!
Mit Füller und Hand! Ganz persönlich!

Ich fasse keine Vorsätze mehr. Ich nehme das Leben wie es kommt.
Aber ich will auch nicht so bleiben, wie ich bin.
Ich will mich verändern. So wie das Leben:
Bunt und offen sein für ganz viele neue Dinge!

Es kann ruhig langsam vorangehen und es ist vollkommen egal, wie lange es dauert!

Ach und übrigens rauche ich seit Mai 2015 nicht mehr:

Ich habe immer ganz viel geraucht. Mindestens eine Schachtel
(egal, wie viele Zigaretten darin waren), über 27 Jahre.
Über die Auswirkungen auf mich und mein Umfeld machte ich mir keine Gedanken.
Mein Leitspruch: Ich rauche gern. So ein Blödsinn…
Dann hörte ich einfach auf – ohne Vorsatz, ohne offensichtlichen Grund.
Nur weil es geregnet hat und der LieblingsIngo mich nicht zur Tankstelle fahren wollte. Ganz einfach 🤷‍♀️

Genauso ist es mit den Kilos. Die Gesellschaft findet, ich habe Übergewicht.
Da gibt es eine wunderbare Tabelle, die das belegt.
Ich finde mich einfach nur nicht knochig
und fühle mich mit meinem Gewicht meistens wohl.
Was zählt denn nun – die Meinung der anderen?
Früher fand ich die Meinung der anderen sehr wichtig. Aber heute?
Ach nööö…
Mal ehrlich, in einer anderen Zeit hätte Rubens mich gemalt
und ich wäre ein Topmodel 😂
Also, schmeißt die Vorstellungen und Vorsätze der ANDEREN über Bord und macht eure eigenen Regeln.
Eure ChaosWinnie