Neunter November 1989

10. November 2019 0 Von Winnie

Damals – so vor 30 Jahren
(damals kann man da schon sagen,
es ist ja schließlich lange her!)
gab es mal…

Die DDR

Das war ein Staat –
klein und gemütlich
demokratisch und ganz friedlich
alle lebten glücklich dort
niemand wollte jemals fort.

So etwas gibt’s nur im Märchen?
Real kann das ja gar nicht sein?
Recht habt ihr, denn demokratisch
war die DDR nur so zum Schein.

Man durfte keine Meinung haben,
sich nicht an Bananen laben,
nicht laut nach all den Mängeln fragen.
Kein Witzchen über die Regierung machen
und erst recht nicht darüber lachen.
Kein lustiges SonderzugLiedchen singen.
Das konnt‘ dich ins Gefängnis bringen.

Das glaubt ihr nicht?
Das kann gar nicht sein?!
Schaut doch mal in die Akten rein.
Da drin steht es, schwarz auf weiß
es passierte, ohne Scheiß!

Fast 40 Jahre gingen ins Land
die DDR und ihr Volk in eiserner Hand
eines senilen Greis’s und seiner sozialistischen EinheitsPartei…
zerrieben im grauroten Alltagsbrei.

Das Leben nahm so seinen Lauf
da hörte man leise das Gerücht
„Ungarn macht die Grenze auf“
ob man so vielleicht entwischt?

Tausende von DDRlern
zogen Richtung Ungarn los
liefen über Wiesen und Felder
und verschwanden in Österreichs Wäldern.

Es fing an zu brodeln im glücklichen Land
nun nahm das Volk es in die Hand:
Jeden Montag gingen die Menschen 
auf die Straße
mit Bedacht
riefen ihre Träume und Wünsche
lauthals in die Nacht
und wackelten so am Gerüst der Macht.

Friedliche Revolution, Wiedervereinigung
Ein gemeinsames Deutschland – Aufschwung.
Viel haben wir seitdem erreicht,
doch die Mauer in den Köpfen
leider immer noch nicht weicht. 

Wenn ihr jetzt hier eine Abrechnung mit dem DDR Regime erwartet
oder Wahnsinnsenthüllungen von Putsch und Skandalen,
muss ich euch leider enttäuschen.

Das ist nur eine Teenie – Erinnerung an eine Zeit,
die so schrecklich und gleichzeitig schön war.

Ich war 17 und ein etwas aufmüpfiger,
aber harmloser Teenager.
Den einzigen Ärger den ich machte,
waren Zwischenrufe im Staatsbürgerkundeunterricht –
von jeher mein Lieblingsfach
und Hassgedichte
über meinen RoteSockeAlkiStiefvater!

1989 war echt nicht mein bestes Jahr.
ich machte eine Ausbildung, die mich nicht die Bohne interessierte.
Bei der Deutschen Reichsbahn…ja, so hieß die in der DDR!
Das war sooo langweilig!
Eigentlich wollte ich Heimerzieherin werden.

Aber auch in der DDR waren Wunsch und Realität selten vereinbar.

Es gab viele gutgemeinte Ratschläge, auf die ich hätte hören können, aber hey, ich war siebzehn!

„Mach Abitur und studiere danach“ – jaja,blabla …will ich aber nicht.
Später habe ich mich ganz schön über diese WinnieSturheit geärgert – aber 1988 / 89 hatte ich dafür einfach kein Ohr frei!

„Mach diese Ausbildung und danach kannst du ja immer noch…“ –
Geschenkt, Leute! Die wollen mich jetzt nicht, dann will ich später nicht! Teenagerlogik!

Dazu kam auch noch der genehmigte Ausreiseantrag meiner Großeltern – eine echt krasse Sache.
Ich glaube, das kann man sich gar nicht vorstellen.
Einmal losgefahren, sieht man sich niemals wieder.
Das hat mich echt fertig gemacht.

Aber ich lass mir so etwas nicht anmerken.
Das Motto meiner Kindheit:
Gefühle zeigt man nicht! Man heult nicht öffentlich.
Und über Probleme redet man schon mal gar nicht!
Also ging ich jeden Tag feiern, ohne Rücksicht auf Verluste.
Mit meinen Freunden. Familie ist eben doof.

Aus dem täglichen, morgendlichen Kater
machte ich beim Betriebsarzt
einen Magen- Darm- Virus, Menstruationsschmerzen,
oder eine Lebensmittelvergiftung.
Migräne kam auch gut (die hatte ich allerdings wirklich)
und aus der EinserSchülerin wurde ein ViererAzubi.
Lief bei mir!
Und wahrscheinlich wäre es ewig so weiter gelaufen. 

Im Sommer fragte mich ein Freund,
ob ich Bock auf Urlaub in Ungarn hätte.
Komisch grinsend und zwinkernd.

Erst hab ich gar nichts geschnallt, aber dann…

Einfach abhauen? Alles hinter sich lassen?
Das wäre nicht das Schlechteste.
Aber ALLE im Stich lassen?!
Was sollte denn aus meinen kleinen Brüdern werden?

Also  lehnte ich ab und blieb.

Dann kam der November.
Alles lief normal und ich war ständig unterwegs.
Jeden Tag in einer anderen Disko, jeden Tag feiern.
Während die anderen sich um
Freiheit und *WirsinddasVolk* kümmerten,
versuchte ich, mich einfach  nur irgendwie
durchs Leben zu schmuggeln.

*
Ein Donnerstag Abend so wie immer,
die Alten schauten SchwarzWeißSinnlosGeflimmer,
wir verschwanden heimlich im Abendlicht,
was der Abend bringen sollte, ahnten wir nicht!


Unterdessen in Berlin auf einer Pressekonferenz
Schabowski sitzt gelangweilt

(vielleicht vermisst er Egon Krenz)
und brabbelt leise vor sich hin:
„Alle dürfen jetzt reisen, nicht nur Rentner und Rentnerin!
Das haben wir so beschlossen!“
Auf die Frage: „Ab wann?“, nuschelt er verdrossen:
„Ich glaube, das gilt…äh…gleich…also…ab jetzt?!
Mit diesen Worten hat er uns alle in Aufruhr versetzt!


Wir tanzten und lachten, als plötzlich die DJ’S
die Musik ausmachten.
Ein kurzer Einspieler
von *WildWildWest*
bevor man jubelnd die Nachricht loslässt:
„In Berlin…die Grenze…sie ist auf!

Man kann in den Westen – sie lassen uns raus!“
Erst ist es ganz still, dann folgt Jubelgeschrei
binnen Minuten sind wir im Saal allein.

Erstmal hab ich losgeheult
dann hab ich mich ganz still gefreut.


Wie ein Virus machte diese Kunde
in Windeseile in der DDR die Runde
von Nord nach Süd – von Ost nach West
hat sich fast jeder in irgendein Fahrzeug gesetzt

und ist nach Berlin gewetzt.

Wir haben uns an den Grenzübergängen getroffen
wagten aber kaum zu hoffen,
doch nach ein bisschen Blablabla waren sie offen.
Wir sind Hand in Hand rübergemacht
und haben gleichzeitig geheult und gelacht …

Jubel, Trubel, Heiterkeit
was für eine geile Zeit,
die Wiedervereinigung war auch nicht mehr weit.
Gemeinsam haben wir ihn erklommen,
den antifaschistischen Schutzwall in Berlin.
Mit der Mauer in unseren Köpfen
kriegen wir das aber auch noch hin!
Wir alle zusammen sind doch die Generation
mit der friedlichen Revolution…
*

30 Jahre später – habe ich mich mit 1989 versöhnt.
„Hey, hast du gehört, 1989? Du warst eigentlich ein richtig cooles Jahr
und manchmal möchte ich in dich zurück reisen, um deinen HappySpirit zu genießen!“

Im Hier und Jetzt vermisse ich oft diese Zusammengehörigkeit,
die Hilfsbereitschaft und Empathie von 1989…
Erinnert ihr euch?

Wir haben zusammen gelacht, geklatscht und dabei gleichzeitig geheult!
Ihr habt jubelnd auf unsere Autodächer getrommelt…
Wir haben zusammen die Mauer weggeklopft…
Wir gehörten zu euch 
und kurz fühlten wir die Begeisterung
als Deutsche im vereinten Deutschland.

2019 muss man wieder Angst haben.
Man kann nicht seine Meinung sagen, ohne bedroht zu werden.
Man lässt Menschen ertrinken oder irgendwo in Camps verrotten. Menschen, die im Hilfe bitten.
Und wir wählen wieder Faschisten in die Regierung.
Das gibt mir ein mulmiges Gefühl.

Ich meine nicht dieses kribbelige Gefühl
das dich durchrinnt beim Gruselbuch lesen.
Nicht der Schauer, der dich überrieselt,
auf dem Heimweg in der Dämmerung
wenn du in einem Horrorfilm
bist gewesen.

Die Angst,
wenn jemand vor dir steht
voller Hass auf dich hinab späht
den Mund weit aufgerissen
Wenn einer brüllt mit lauter Stimme:
Du sollst dich endlich verpissen
dahin, wo du herkommst,
keiner wird dich vermissen!
Das Gefühl, wenn man dir die Würde nimmt

Als ich klein war, hat mich die Fragerei nach
meinem Namen, Geschlecht und Herkunft immer tierisch genervt.
*Wie heißt du richtig, wo bist du geboren,
Winnie ist doch kein Name für ein Mädchen!*
Da habe ich mir manchmal einfach Lebensgeschichten ausgedacht:

*Mal war ich war Winnie aus New York,
mal habe ich auf der Insel Krk eine Bande Jungs befehligt
oder ich habe auf einer Insel gelebt, bis ich gerettet wurde.
Ich habe in Berlin über die Mauer geschaut und J.R. in Dallas besucht.
Manchmal habe ich in Rumänien weiße Wölfe gepflegt…

je nach dem, welches Buch ich gerade gelesen habe.

Ich war die Heldin der Unterstufe, obwohl die Geschichten meist haarsträubend waren und manche auch nicht besonders gut.

Nach einiger Zeit und vielen Geschichten kam ein sehr großer Junge auf mich zu,
der Bruder einer Klassenkameradin und mindestens 8. Klasse,
knallte mir eine und zischte:

„Hau bloß wieder dahin ab, wo du hergekommen bist, Jugoschlampe!“

Ich war völlig geschockt.
Ich war ja erst 8 und wusste gar nicht,
was das jetzt ist…eine Jugoschlampe!.
Angst vor weiteren Ohrfeigen oder der Worten hatte ich nicht,
aber vor seinem Blick…
Dieser gemeine, hasserfüllte Blick.
Gruselig!

Dass jemand, der so viel größer ist,
ein kleines Mädchen haut und beschimpft,
weil sie Geschichten erzählt, die gar nicht stimmen können….
Das habe ich einfach nicht verstanden…bis heute nicht!
Und genau das hat mir eine Riesen Angst eingejagt!

Ich habe immer weiter Geschichten erzählt –
nach dem Motto:
Jetzt erst recht!
Aber immer mit einem etwas
mulmigen Gefühl im Bauch.

Deshalb finde ich es auch so schlimm,
dass Menschen, die in der DDR leben mussten
und vor 30 Jahren dabei waren,
heute die AfD wählen.
Hat man nicht in der DDR hinter vorgehaltener Hand
darüber geredet, wie sehr sich das deutsche Reich und die DDR gleichen?
Wie sehr man überwacht wird
und wie schnell man nur für ein *angeblich* falsches Wort
im Knast landet?
Ihr wollt wieder, dass die Menschen Angst haben, etwas zu sagen?
Angst haben vor Blicken?
Denn genau das passiert gerade mit uns.
Die Angst kehrt zurück!
Dafür sind wir vor 30 Jahren auf die Strasse gegangen?
Wohl eher nicht, oder?