Hinterhofträume – Oasen des Glücks

Hinterhofträume – Oasen des Glücks

23. September 2019 3 Von Winnie

Update 18.02.2019

Hey, Welt…
es läuft soviel verkehrt in dir, dass wir die „kleinen“ Sorgen um uns herum gar nicht mehr so richtig bemerken.
Das macht mich echt traurig. Dabei fängt doch alles mit dem „Kleinen“ an.
Mit Träumen zum Beispiel, die man sich erfüllt oder ein Ort, an dem man seine Freiheit ausleben kann, seine Gedanken mit Gleichgesinnten teilt, sich trifft und austauscht, an dem man lebt und arbeitet.
Der Künstlerhof Sillemsalabim in Hamburg Eimsbüttel ist solch ein Ort.

Hinterhöfe sind Kleinode, Kulturinseln, Lebensqualität… und sie verschwinden langsam, ohne das wir es so richtig wahrnehmen.
Weil angeblich Wohnungen benötigt werden.
Dann werden Klötze mit Eigentumswohnungen gebaut.
Braucht man die wirklich ausgerechnet in einem Hinterhof?!
Habt ihr auch solch einen Lieblingsort?
Dann wisst ihr bestimmt, was ich meine.
Vom besonderen Flair meines 💛Ortes könnt ihr euch persönlich überzeugen.
An den Offenen Hofabenden vom 18. bis 21. Februar 2020.
Bitte helft mit und unterschreibt die Petition
(falls ihr es noch nicht getan habt) .
Tut nicht weh und kostet nur ein paar Minuten eurer Zeit
und meine Dankbarkeit ist euch sicher 💛
https://sillemsalabim.jimdofree.com/

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Ich bin oft in Hamburg unterwegs –
das ist mittlerweile so etwas wie meine SeelenwellnessStadt!
Neugierig und immer auf der Suche nach Neuem
bin ich auf bei der Planung meiner nächsten Aufenthalte
auf diese Veranstaltung gestoßen:

SCHWESTER Finissage Konzert, Hamburg

SCHWESTER beim Konzert auf der hofeigenen Rampenbühne
Foto: Till Haupt

Ein Konzert zur Rettung eines Hinterhofes in Hamburg?
Mein erster Gedanke: Das ist nicht mein Problem.
Hinterhöfe, die gibt es doch nur in heruntergekommenen Stadtteilen, oder?
Warum soll man die denn retten?
Beim Wort *Hinterhof* denkt man an Sperrmüllhaufen und Autowracks,
Küchengeruch, der sich zwischen den hohen Häusern verfängt,
an SchmuddelKids, die im Dreck spielen
und zwielichtige Gestalten in dunklen Ecken.

Das Geschriebene vermittelte allerdings
eine völlig andere Art von Hinterhof…
Was ist an diesem Hinterhof denn nun so besonders?
Also Google angeworfen und da fand ich sie:

Die Hinterhöfe von Hamburg.

Bei Anschauen der Bilder fiel mir wieder ein,
welche Faszination solche Plätze schon immer auf mich ausübten:
Eigene, kleine Welten…
wie ein Mikrokosmos mit seltsamen Gestalten
und noch seltsameren Gewohnheiten,
die einem doch so ähnlich sind.
Man kann allein sein, wenn man will
oder Freunde treffen, mit Nachbarn klönen
oder den Kindern beim Spielen zuschauen…
Ein paar Hinterhöfe kenne ich auch,
ich hab nur nicht mehr daran gedacht 😜:

*
Im Hinterhof –
hing ich an der Teppichstange
kopfüber oder mit nur einer Hand
warf den Ball an jede Wand,
pullerte in die Gemüseecke
spielte im Kellereingang Verstecke
ignorierte Mamas *Kommhoch* Rufe
und ging lieber mit Freunden auf Schatzsuche


Im Hinterhof –
schmeckte mein erster Kuss
in der dunklen Ecke
nach heimlich gerauchter Zigarette
wir schlichen an erleuchteten Fenstern vorbei
bis die Dämmerung uns verschlang
beim Petting im Tordurchgang
das Glück uns durchdrang

Im Hinterhof –
der Grill noch glimmt
während Carla aus dem 4. Stock Schnulzen singt
stundenlang zum Gitarrenklang
wir trinken und lachen
auf spontanen Parties
bis wir nur noch lallen
und uns im Morgengrauen
nach oben schleppen
über quietschende Hinterhaustreppen
und in unsere Betten fallen.

Im Hinterhof –

lauschen wir Konzerten
unplugged im Schein von Antimückenkerzen
bemalen die Steine schrill und bunt
tun unsere Gedanken kund
mit Sprühfarben und Kreide
Girlanden und Fahnen flattern im Wind
Wir sind einfach verrückt
vor Glück,
tanzen und hüpfen wie früher als Kind
weil wir so unbeschwert sind.

Wo sollen wir diese Freiheit finden
wenn die Hinterhöfe verschwinden
Wünsche und Träume muss man bewahren
Kreativität kann man nicht mit Geld bezahlen

*

Den ersten Hinterhofeindruck vermittelte mir Heinrich Zille
mit seinen Bildern von krummbeinigen Kindern und beschürzten, dickleibigen Frauen.
Sie saßen, liefen und spielten im Schatten der hohen Häuserwände.
Sie wirkten einfach… glücklich.
Ich war 5 und schaute stundenlang das dicke Zillebuch aus Opas Regal an.
Ich dachte mir Geschichten aus und wollte unbedingt in einem Haus mit Hinterhof und vielen Kindern wohnen.

Quelle: https://www.van-ham.com/artistdatabase/heinrich-zille/auktion-322-los-653.html

Kurz bevor ich in die Schule kam,
zog ich zu meiner Mutter in eine Siedlung.
Viele Wohnblöcke, viele Kinder
Hier waren die Hinterhöfe offen und begrünt.
Die Großen fanden das kinderfreundlich – ich total doof.
Ich wollte einen Hinterhof mit Hauswänden, Mauern und Teppichstange!

Aber es war unser Revier…
Man nimmt, was man kriegen kann
und so schlecht war es ja auch nicht:
Frei und unbeobachtet
zündelten wir,
stritten und vertrugen uns,
bauten Festungen und führten Straßengefechte.
Wir waren die Schmuddelkids,
die Radschlagen in Pfützen übten.

Doch mein Traum vom Hinterhof blieb.

Mit 10 fuhr ich mit einer Freundin zu ihrer Oma nach Berlin.
In der Dunckerstraße im Bezirk Prenzlauer Berg stand es:
Ein dunkles Hinterhaus mit knarzenden, ausgetretenen Holzstufen,
im Treppenhaus roch es nach Kohl
und die Wohnung war riesig mit Flügeltüren im Wohnzimmer.
Mein kleines Kinderherz klopfte vor Aufregung,
als ich aus dem Fenster auf den allerschönsten Hinterhof
meines Lebens blickte.
Riesengroß mit vielen dunklen Ecken und
‼️DREI‼️Teppichstangen!!!
(Habe ich eigentlich meine Leidenschaft fürs *Kopfüber*von*Teppichstangen*hängen*
schon mal erwähnt?)

Hinterhof Dunckerstr. 21
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Ich war vollkommen geplättet
und abgesehen von einem Zwangsausflug zum Plänterwald
sah ich in dieser Woche von Berlin nichts anderes
als diesen Hinterhof in der Dunckerstraße.
Ich war einfach nicht von dort wegzubekommen.

In meiner Teenie- Zeit verbrachte ich etliche Abende
in den Hinterhöfen von Merseburg.
Unheimliche, dunkle Plätze hinter Abrisshäusern –
aber wir waren jung und verliebt.
Ein bisschen gruseln, heimlich rauchen, geklauten Schnaps trinken –
Kein Erwachsener hat sich jemals dorthin getraut
und deshalb war das Risiko erwischt zu werden, sehr gering.

Jetzt bin ich erwachsen
und auch wenn ich immer noch nicht in einem Hinterhaus wohne
und auf einen Hof schaue, die Faszination ist geblieben.

Allerdings befindet sich mein Arbeitsplatz in einem Hinterhaus
und ich schaue direkt auf den Hof.
Im Sommer ist es schön,
im Hintergrund Kinderlachen und Musik zu hören,
die Mittagspause unter Kastanienbäumen zu verbringen
und AfterWorkparties mit den Bewohnern zu feiern –
es herrscht halt ein ganz besonderes Flair in so einem Hinterhof!

Und deshalb ist der Aufruf von SCHWESTER eben doch meine Sache.

Hinterhöfe sind wirklich tolle Plätze.
Oasen der Ruhe inmitten des Großstadgewimmels.
Gärten, bunte Wände –
Treffpunkt zum Relaxen, Kaffee trinken und Schwätzchen halten –
ein Ort der Gemeinsamkeiten.

Auf Hinterhöfen finden Festivals, Flohmärkte und Parties statt –
mittlerweile ist das richtiger Lifestyle und gehört zur Wohnqualität.
Hinterhöfe haben nichts mehr
mit den dunklen, miefigen Plätzen meiner Kindheit gemein,
sondern sind luftige, bunte Oasen mit Wohlfühlatmosphäre.

Es gibt sogar Bildbände über
und Stadtteilführungen in die Großstadhinterhöfe!
Zwar kenne ich die Hamburger Hinterhöfe (noch) nicht,
aber ich weiß, dass sie es wert sind, gerettet zu werden.

Menschen mit besonderen Talenten haben in Hinterhöfen
ihre Existenzen aufgebaut,
Ateliers, Werkstätten und Kleinkunstbühnen
sind die Verlierer beim Verschachern der Hinterhöfe!

Also, wenn ihr Zeit und Lust habt,
geht zum Hinterhof Konzert am 29.09.19:
SCHWESTER Finissage Konzert, Hamburg

Lassen wir uns die Plätze unserer Träume nicht nehmen!
Nicht alles kann man mit Geld bezahlen!

Blick vom Dach auf das Hoffest in der Sillemstraße
Foto: Till Haupt