Angstbezwinger und Mutbeschwörer

6. Mai 2019 1 Von Winnie

*
Angst –
Gefühl, dass prickelnd durch den Körper rinnt
wenn ein Horrorfilm beginnt,
oder wenn man ein gruseliges Buch
hat gelesen
und unterm Bett nachsieht,
ob ein Monster ist dagewesen
*

Mutige Helden prägen von Kindheit an unser Weltbild:
Pippi Langstrumpf, die rote Zora, Tom Sawyer, 
sogar der kleine Angsthase war mutig… 
Könnt ihr euch an einen einzigen ängstlichen Helden erinnern?
Nein?
Die gab es nämlich auch nicht.

Als kleines Mädchen habe ich alles geglaubt,
was ich gehört, gesehen und gelesen habe!
Es gab den Mann im Mond,
 aus jeder Wolke konnte ein Fabeltier werden,
Monster wohnen unterm Bett
und darüber wurden ganze Bücher geschrieben,
also musste es ja stimmen!
Ich konnte mich in diese Angst so richtig reinsteigern
und habe die Großen damit zur Verzweiflung getrieben.
Wie oft habe ich heulend wach gelegen,
weil ich mal wieder ein Buch
aus dem „ErwachsenenBücherregal“ stibitzt hatte…

Oder wisst ihr noch, dieses kribbelige Schauern,
wenn eine Mutprobe anstand?
Davor hatte ich auch so richtig Schiss…
Damit es keiner bemerkt, hatte ich immer die größte Klappe
und bin ich laut brüllend als Erste los gelaufen!
Wenn es nämlich so aussieht, als wärst du ein Anführer
und alle laufen hinter dir her,
fällt es gar nicht auf, 
dass du kurz vorm Ziel abbremst 
und leise nach hinten verschwindest… 

Irgendwie habe ich immer versucht,
für meine Umwelt die richtige Rolle zu spielen
und scheinbar hat das gut funktioniert,
jedenfalls fiel ich nicht auf!

Manchmal möchte ich das kleine Mädchen 
von damals besuchen.
Dann könnte ich ihr sagen, 
das Anders sein nicht schlimm ist.
Davor braucht man keine Angst haben!
Außer dass man sich vor sich selbst versteckt 
und sich klein und schwach macht,
bringt Angst nämlich gar nichts…
*
Schon als Kind hat ich so’n Gefühl:
Ich darf nie so sein, wie ich will!
Immer nach DIN und Norm, wie im Zwang!
Und das ein ganzes Leben lang?!

Ich übte früh mal Rebellion,
das kann man auch als Lütte schon!
Sagte zu allem nein, nein, nein,
und konnt‘ schon damals ziemlich laut schreien!

Als Teenie flippte ich völlig aus:
färbte die Haare rot,
kam zu spät nach Haus,
die Schule fand ich großen Mist,
weil man dort so eingesperrt und unfrei ist.
Widerspruch und Ignoranz
gaben mir einen eigenen, besonderen Glanz!

Das Leben ist ein Film
und alle schauen zu,
sie wollen, dass ich mich ändere
doch ich werd‘ NIEMALS so
wie DU und DU und DU und DU!

*

Ein paar Jahre später spielte ich meine verschiedenen Rollen so gut,
wenn mein Leben ein Film gewesen wäre,
ich hätte alle
Oscars*Bambis*Fernsehpreise
alleine gewonnen.

Ich war definitiv anders,
als die anderen um mich herum…
wie eine Null unter lauter Einsen.
Sich anpassen hat irgendwann nicht mehr funktioniert.
Wie lange kann man sich denn auch verstellen
ohne sich selbst und seine Träume aufzugeben?!
Also habe ich gekämpft – gegen alles und jeden:
Dann bin ich eben anders! Na und?!

Die Bettdecke über den Kopf ziehen reicht nicht, 
man muss schon den Zauberstab rausholen 
und gegen seine
*manchmal auch eingebildeten*Monster
kämpfen
und je älter man wird, desto schwieriger wird es…

Es gibt Menschen, die sind ungeheuer mutig.
Die gehen in einen dunklen Keller,
wenn sie Geräusche hören…
springen in einen See,
wenn dort etwas Undefinierbares zappelt…
singen auf einer Bühne…
Oder sie sind einfach so, wie sie sind,
ohne sich Gedanken darüber zu machen,
was die anderen sagen.
Diese Menschen wurden meine Vorbilder:

💚 Udo Lindenberg 💚 Nina Hagen 💚

*
Ich wär gern laut,
damit man mich hört
ich wär gern bunt
jemand,

der das Alltagsgrau zerstört

Ich wär gern groß
damit mich jeder sieht
ich wäre gern ein Stein
der vorwärts rollt
nicht jemand
der nach hinten flieht

doch bin ich nicht auch nur
wie all die anderen
die zwar träumen
doch nie aus der Reihe wandern?

*

Kennt ihr das?
Immer das Gegenteil behaupten,
immer nein rufen zu wollen
und trotzdem nie die Möglichkeiten dazu nutzen?
Irgendwann platzt du, wenn du nicht endlich
aus diesem Alltagseinerlei entkommst.

*
Wenn ich reden soll, 
bin ich still, 
wenn ich mir etwas wünschen darf, 
weiß ich nicht, was ich will
ist es dunkel, möchte ich zum Licht, 
bist du gerade bei mir, 
will ich dich nicht.
Regnet es, möchte ich Sonnenschein,
sind viele Menschen um mich,
wäre ich lieber allein,
im Sommer denke ich ans Schlitten fahr’n
im Winter hätte ich es gern *indenPoolspring* warm
Ich will immer das, was gerade nicht geht
ich bin nämlich eine, die sich selbst im Weg steht.
*

Jeden Tag sollst du dein Bestes geben,
weil sonst nichts aus dir wird.
Alle machen sich Sorgen, jeder darf an dir herum zotteln.
Was du selbst möchtest, ist entweder nicht so wichtig
oder sowieso grundsätzlich falsch und albern.
Aber was *dein angeblich Bestes* nun ist
und wo es RICHTIG langgeht,
verrät dir auch niemand.
Das ist wie Fahrrad fahren ohne Kette –
egal, wie sehr du dich anstrengst,
es geht nicht vorwärts!

Jetzt hast du nicht viele Möglichkeiten…
entweder du erträgst es stillschweigend
und machst das, was sie wollen
oder du rebellierst!
Ich entschied mich für die Rebellion und suchte Gleichgesinnte:
Wir hatten Spaß, feierten, als gäbe es kein Morgen und alles andere war uns egal.
Nur wir waren wichtig – Punkt-
Unsere Clique war die Familie und wir hatten den Durchblick
wer anders dachte war eben ein langweiliger Spießer.

*
Ich spaziere durch meine Erinnerung,
schaue nach links, nach rechts
gehe durch die Schranken
schlag mich durch’s Geflecht

Dort vorn wirkt die Stimmung nicht entspannt,

ich bin um die 15, probe den Aufstand
klettere durchs Fenster, haue einfach ab,
verschwinde in der Dunkelheit,
zurück nur ein Parfümhauch bleibt.

Da drüben scheint es bunt,

Discokugeln leuchten,
darunter Menschen , ganz jung…
sie tanzen dicht an dicht,
Gefühle erkennt man nicht,
im grellen Neonlicht
Gedanken kann man nicht hören,

die würden hier auch nur stören
betäubt von Alkohol, fühlt man sich frei und wohl
Man blickt nicht in die Zukunft, man blickt nicht zurück
man lebt, ohne viel nachzudenken,
nur für den einen Augenblick

*

Uns gehörte die Welt –
jedenfalls das kleine Stück Provinz, in dem wir lebten und die Erwachsene konnten uns mal…
aber Angst und Selbstzweifel vergingen auch beim Feiern nicht…



Alkohol ist nicht unbedingt der beste Therapeut,
aber er betäubt Angst und Schmerz.


*
Wenn du jetzt gehst, was sagt die Welt?
Bist du ein Nobody oder kennt sie dich als Held?
Hinterlässt du einen Stempel, erinnert man sich an dich?
Warst du ein glänzender Stern oder nur ein kleines, flackerndes Licht?
Schreib die Geschichte deines Lebens,
denn wenn du wirklich an dich glaubst, kannst du das auch:
du bestimmst das Ende –
gehst du als Langweiler oder als Legende!

*

Ich flippte also durchs Leben,
laut, bunt, schrill –
war aber immer noch ziemlich zerissen,
eigentlich spielte ich auch hier nur die Rolle der Großklappe
– dachte ich jedenfalls –
innerlich war ich immer noch der Schisser, der grübelnde Nerd…
Ich habe einfach nicht gecheckt, dass
die Winnie mit der großen Klappe
schon lange keine Rolle mehr war…
Ich hielt mich immer noch für ein ziemliches Weichei,
das heimlich Gedichte schrieb:

*
Ich habe Angst

Ich habe Angst zu versagen
will deshalb gar nichts wagen
nur mit dem Strom schwimmen
nichts riskieren, nichts gewinnen

Ich habe Angst mich zu blamieren
finde es schrecklich,
wenn Menschen mich anstieren,
über mich reden,
mit dem Finger auf mich zeigen,

und lachen
während ich mich wegdreh‘, schweigend

Ich habe Angst zu lieben
weil Liebe weh tut irgendwann
habe Angst, verletzt zu werden,
weil ich dann vielleicht
nie wieder lieben kann

Ich habe Angst zu träumen
mich fallen zu lassen
etwas zu versäumen
den Regenbogen nicht zu sehen
nie wieder im Regen zu stehen…

Augenblicke zu verpassen

Ich habe Angst zu gewinnen,

bin in meinen Gedanken gefangen,
wie im Netz einer Spinne.
Doch ich kämpfe mich heraus
– irgendwann –
Ich weiß,, ich schaff das,
ja, ich kann’s!
*

„Freiheit bedeutet: nicht mehr denken, dass alles an dir falsch ist […]
Freiheit heißt: aufhören mit dem, was du sonst immer tust und anfangen mit dem, was du noch nie getan hast.“
Maria Bachmann

*
Man sagte mir:
‚Gib niemals auf im Leben,
Arschlöcher wird es immer geben.‘
Das habe ich ignoriert,
hab nämlich später erst kapiert,
dass ich eines
dieser Arschlöcher war!
Mir war einfach alles egal,
mein Lieblingsspruch:
„Ihr könnt mich doch mal!“

Ich war verliebt ins verliebt sein,
vor ’ner festen Bindung hatte ich Angst,
ich habe dich immer beneidet,
weil du so lieben kannst.
Doch irgendwann hab ich gelernt,
mir selbst zu vertrauen,
darauf konnten wir dann

Freundschaft und Liebe aufbauen.

Ich bin eigentlich kein echter Träumer,
eher wie eine Puppe, ohne eigenen Willen.
Ich habe riesige Angst davor,
meine Träume könnten sich erfüllen!

Der Schmerz, wenn man einen Traum erreicht
ist zu hart, die Leere in mir zu groß!
Deshalb träume ich lieber vom Träumen
so lasse ich die Träume einfach nicht los.


Man muss kämpfen, verlieren, an sich glauben

vorwärts laufen mit offenen Augen
Fehler machen, drüber lachen,

einfach aufstehen und weitermachen.

Jetzt habe ich es verstanden,
drum geht man nie zurück!
Erinnern, verstehen, vergeben, vergessen…
Das ist der Weg zur Freiheit, zum Glück
*

Ich flippere ja nun schon ein Weilchen hier im Leben herum,
hab schon vieles erlebt, bin falsch abgebogen oder Umwege gelaufen.
Angst habe ich nicht mehr.

Manche Menschen sagen zu mir,
ich soll mein Licht nicht unter den Scheffel stellen,
mich nicht kleiner machen, als ich bin –
daran arbeite ich noch – versprochen!

Aber ich weiß mittlerweile, was für mich das Wichtigste ist:

Die Freiheit, das zu tun,
was MIR gut tut und sich für MICH richtig anfühlt…
Dorthin zu gehen, wohin ich möchte,
oder einfach zu bleiben, wo ich bin…


Das Abenteuer kann im beschaulichen Heimatstädtchen beginnen,
oder in Hamburg, Berlin, New York.

Frei sein beginnt nämlich im Kopf und im Herz…

Am mutigsten ist es, man selbst zu sein, auch wenn man Angst hat